Elektrizität in Rossau

Schon im Jahre 1903 hielt in Rossau die Elektrizität Einzug.
Zu Verdanken hat man dies dem Niederrossauer Mühlenbesitzer Emil Stockmann. Die Idee kam ihm schon 1902 bei Stammtischgesprächen mit Dozenten des Technikums zu Mittweida. Es war aber zu der Zeit ein hohes unternehmerisches Risiko, denn die Kosten waren immens und wurden von Ihm privat getragen. Der 10 PS starke Sauggasmotor mit Generator kostete allein 10.800 Mk. Dazu kamen 12.600 Mk für zwei neue Dynamomaschinen mit Fundamenten, eine neue Akkumulatorenbatterie und eine Schalttafel mit Instrumenten.
Die Kosten für die über die drei Orte führenden Starkstromfreileitungen, mit Masten und Zubehör sind nicht bekannt, wurden aber ebenfalls von ihm getragen.
Doch bis es soweit war gab es einen ein Jahr dauernden Schriftwechsel mit den Gemeinden und der Amtshauptmannschaft Rochlitz. Es wurden zahlreiche Bedingungen gestellt und Zeichnungen über das Projekt verlangt. Bürokratie und Behördenmühlen sind, wie man sieht, nicht erst eine Erscheinung der letzten Jahrzehnte.
Am 16.03.1903 wurde dann endlich die Baugenehmigung, mit seitenlangen Bedingungen, erteilt. Platz in der Mühle wurde geschaffen in dem man die alte Wassermühle ausbaute, welche aber später durch eine elektrische im Nebengebäude ersetzt wurde. Am 1. Oktober 1903 war es dann endlich soweit. Von Nah und Fern eilten die Menschen herbei, um zu sehen, wie eine Kohlefadenlampe auf Schalterdrehung aufleuchtete oder sich ein Motor zu drehen begann. Der Hof der Stockmann'schen Mühle war voll von Menschen, von denen viele so etwas zum ersten Mal sahen. War doch Rossau eines der ersten Dörfer in der Gegend in dem es so etwas gab.
Über die ersten Abnehmer in Niederrossau existiert noch eine Liste.
Der erste Fremdabnehmer war demnach am 6. Oktober 1903, der Hof Nr. 42 von Wilhelm Römer mit 18 Glühlampen. Am 6.12.1903 folgten dann weitere 8 Häuser bzw. Höfe. August Weise (Nr.52) mit 15 Glühlampen und einem 1 Ps starken Motor, Bernhard Ranke (Nr.37b) mit 15 Glühlampen und Otto Thiemer (Nr.62) mit 30 Glühlampen, um nur einige zu nennen. Erst im Jahre 1915 waren fast alle Haushalte in Niederrossau angeschlossen. Das lag wahrscheinlich daran das man jede Hausinstallation erst aufwändig bei der Amtshauptmannschaft in Rochlitz beantragen musste, vielleicht auch der Skepsis dem Neuen gegenüber, oder den damit verbundenen Kosten. Die Strompreise lagen damals für Lichtstrom bei 0,50 Mk und für Kraftstrom bei 0,30 Mk. Selbst die Pfarre und die Schule wurden erst im Oktober 1914 vernetzt.
Trotz der langsamen Elektrifizierung war das E-Werk schnell überlastet. Bereits am 24. August.1904 explodierte der zu schwache Motor, wahrscheinlich infolge Überlastung. Am 26.Februar des Jahres 1905 wurde ein 23 Ps starker Motor montiert, was wieder eine Ausgabe von 13.800 Mk mit sich brachte. Die Zeit dazwischen wurde überbrückt, in dem man auf dem Hof eine Lokomobile zur Stromerzeugung aufstellte. 1912 reichte auch dieser Motor nicht mehr aus, und man war gezwungen von dem 1909 erbauten E-Werk Mittweida-Neudörfchen Fremdstrom zu beziehen. Im Jahre 1954 kam dann das Aus für das kleine E-Werk, das den immer größer gewordenen Anforderungen nicht mehr gewachsen war, und die Energieversorgung Karl-Marx-Stadt übernahm nun das Netz. Auf dem Grundstück von Arno Stockmann (Nr.23) wurde ein großes Trafohaus erstellt, in dem 5.200 Volt auf 3 x 220/380Volt herunter transformiert wurden. Bis zum Jahre 1960 war das neue Freileitungsnetz erstellt und alle Abnehmer von 2 x 220Volt Gleichstrom auf die neue Wechselspannung umgestellt.
Der Grossteil der Informationen stammt aus Niederschriften vom Sohn Emil Stockmann’s, Arno Stockmann, den meisten noch als Dorfelektriker und Chronist bekannt, welche mir wiederum dessen Sohn Hans-Jörg Stockmann zur Verfügung stellte.
RK